Heilbronn um 1525

 

 

„Heyltpron, ich muß dich schelten,

hast dich nit wol bedacht,

du magst sein noch entgelten,

du hast vil leut umb bracht;

durch dich so ist verdorben

gar mancher biderman,

vil seind erschlagen worden;

da bistu schuldig an […]“

Erste Strophe aus einem Lied von Jörg Wetzell von Schussenried

Stadtbild der Reichsstadt Heilbronn um 1557

Stadtbild am Vorabend der Bauernaufstände

Der Aufstand der Bauern im Frühjahr und Sommer des Jahres 1525 brachte die Reichsstadt Heilbronn in eine schwierige und gefährliche Lage. Heilbronn nimmt hierbei eine außerordentliche Stellung ein, war sie doch Schauplatz wichtiger Ereignisse. Der nun folgende Artikel wurde unter Zuhilfenahme der folgenden Quellen angefertigt:

[1] Karl Heinz Weingärtner, Studien zur Geschichtsschreibung der Reichsstadt Heilbronn a.N., Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Heilbronn, Heft 9, 1962.

[2] Christhard Schrenk, Hubert Weckbach [Hrsg.], Aus der Heilbronner Stadtgeschichtsschreibung, Jahrbuch für schwäbisch-fränkische Geschichte, Jahrbuch Verlag Weinsberg, 1988.

[3] Christhard Schrenk, Hubert Weckbach, Susanne Schlösser, Von Helibrunna nach Heilbronn: eine Stadtgeschichte. Theiss, Stuttgart 1998.

Darüber hinaus ist der Internetauftritt des Stadtarchiv Heilbronn zu empfehlen: www.stadtgeschichte-heilbronn.de

Doch bevor wir uns nun den einzelnen Geschehnissen im Detail widmen, soll hier zuerst eine kurze Beschreibung der Reichstadt Heilbronn erfolgen. Sowohl die politische als auch die wirtschaftliche Lage soll erläutert werden um so ein Gesamtbild von der Reichstadt um 1525 zu erhalten. Wie können wir uns also das frühneuzeitliche Heilbronn vorstellen? Die Stadt hatte bis in das 16. Jahrhundert hinein ein ausgesprochen ländliches Gepräge. Erst im Laufe dieses Jahrhunderts veränderte Heilbronn sein Aussehen.

Das Heilbronner Stadtwappen auf einem Glasfenster der Kilianskirche um 1481

Betreten wir die Stadt nun durch das Brückentor vom linken Neckarufer aus. Über den Neckar führt uns eine gedeckte Brücke. Das erste was vermutlich auffallen würde, ist der jämmerliche Gestank auf den Straßen. Im frühen 16. Jahrhundert waren vermutlich nur wenige der Straßen gepflastert. Viele Gassen und Wege hatten jedoch keinen festen Straßenunterbau. So beispielsweise die Zehentgasse und die Nuewe Gasse. Es war üblich die Hausabfälle und Nachttöpfe auf die Straßen zu schütten und so verwundert es nicht, dass schon bei wenig Nässe der Boden einem schmutzigen und kotigen Sumpf glich. An manchen Stellen, so an der Fleiner Straße und am Deutschhof wurde der Versuch unternommen, dem Boden durch Dolen einen hölzernen Grund zu geben. Verordnungen dagegen gab es in Menge, doch wurden sie selten befolgt. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Sorge für die Straßen den Anwohnern oblag. Doch dies war nicht nur in Heilbronn der Fall. Nahezu in allen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten waren die Gassen und Straßen tief kotig und das Befahren mit Wagen war eine mühsame Angelegenheit. Erst für das Jahr 1506 ist das Amt eines Pflästerers in Heilbronn nachweisbar.

In den Haushalten des Mittelalters wurde mehr Fleisch und Brotwaren verzehrt. So war es üblich, dass sich jeder Bürger ein Schwein hielt. Zum Fressen wurden diese auf die Gassen gejagt, wo sich ja genügend Nahrungsreste befanden. Der Heilbronner Rat erließ 1510 die Verordnung: „niemantz soll kain saw auf der gassen lassen gen bei pen (Strafe) 15 Pfg“. Dem nicht genug, kam zu den Abfällen und entleerten Nachtgeschirren auch noch verendete Tierkadaver hinzu. Kleinere Kadaver an Ort und Stelle liegen zu lassen war nach Auffassung der damaligen Zeit allgemeine Sitte. Bei größeren Tierkadavern war das schon etwas anderes. Der Besitzer hatte Interesse an der Haut oder am Leder und der Nachrichter an so manchen anderen Teilen. Mit dem Amt des Nachrichters ist auch das des Wasen und Kleemeisters eng verbunden. Aus einer Steuerstubenrechnung im Jahre 1513 erfahren wir, dass dieser für kleines rasendes Vieh 4 Pfg. und für Pferde und dergleichen 1-3 Schilling erhielt. Die Haut musste zurückgegeben werden aber dem Rest des Kadavers konnte der Nachrichter entnehmen was er für brauchbar empfand. So wurden die Kadaver vor allem dazu genutzt Tierschmalz zu gewinnen. Zudem war es auch des Nachrichters Aufgabe herrenlose Hunde, die auf den Gassen herumliefen tot zu schlagen. So heißt es in einer Ratsverordnung um 1510: „die hund soll man schlahen, wer aber ainen lieben hund hat, der soll ain zaychen in der wag by den wagmeistern lesen so wurdt er im gefreyt“. Dies ist ein eindeutiger Beweis, dass es bereits eine Hundesteuer gab.

Den Stadtgesetzen aus damaliger Zeit können wir entnehmen, dass die Bürgerhäuser mehrstöckige Gebäude waren, vornehmlich mit Vorbau der oberen Stockwerke um Licht und Raum zu gewinnen. Die Arkadenbauten sind ebenfalls nachgewiesen. Alte Gebäude besaßen wohl stroh- oder schindelgedeckte Dächer. Die Neubauten hingegen zunehmend Ziegel und Schiefer. Die Bauvorschriften waren im Übrigen in allen Städten streng reglementiert. Es wurden beispielsweise so genannte Untergänger von der Stadt eingesetzt, die widerrechtliche Baumaßnahmen bei Strafe verfolgten. Der Bau der Stadtmauern war bereits im 13. Jahrhundert vollendet, war jedoch soweit ausgelegt, dass sie erst Jahrhunderte später ausgefüllt wurde. Innerhalb der Mauern lagen deshalb für lange Zeit viele Gärten. Der große Reichtum der Reichsstadt Heilbronn waren die „Wengert“. Doch die Weingärtner bebauten nicht nur die Weinberge sondern auch vielfach Äcker und Gärten innerhalb der Stadtmauern. Die vielen Arbeitstiere waren als Tierdung Lieferanten unentbehrlich. Diese „Dunglege“ sammelte man meist in den Innenhöfen oder aber direkt vor dem Haus. Da Heilbronn keine der großen Handelsstädte war, sondern stark vom bäuerlichen Leben geprägt, ist davon auszugehen, dass es vor vielen Häusern solche Misthaufen gab.

Da Feuersbrünste schnell auf die eng benachbarten Nebengebäude übergingen, war vorgeschrieben, dass ohne Genehmigung keine Badstuben oder Feuerstätten in Wohnhäusern errichtet werden durften. Die Vorschriften gingen sogar soweit, dass im Jahre 1506 zahlreiche Bürger ihre aus Brettern errichteten Wände heraushauen und andere Wände zu errichten hatten. Zwischen den Häusern war der so genannte Schmutzwinkel. Dieser stellte den gemeinsamen Abort von mindestens zwei Häusern dar. Zur Straße hin wurde dieser mit einer Tür verschlossen. Da man auch Abfälle vielfach in den Schmutzwinkel warf, war oft ein Schlupfloch für die Schweine angebracht, dass diese dort hineinlaufen konnten. Heilbronner Untergänger entschieden beispielsweise im Jahre 1451, dass eine solche Türe zwischen den Häusern Kaiser und der Kupferschmiedin angebracht werden soll. Es ist aber anzunehmen, dass vor allem wohlhabende Bürger zu dieser Zeit ein „heimliches Gemach“ besaßen. Diese Abortgruben gab es zwar schon lange Zeit, sie wurden jedoch meist nur in Rathäusern und Schlössern gebaut. Vermutlich wurden diese Gruben nie geleert und einfach zugemauert. Vielfach sind auch Abflußkanäle zu einer tiefer liegenden Stelle in der Stadt nachweisbar.

Dem nächtlichen Heimkehrer aus den Trinkstuben leuchteten ursprünglich Mond und Sterne. Seit 1490 sind in Heilbronn Straßenlaternen erwähnt. Später waren eiserne Pechpfannen gebräuchlich. Um das sich lange in die Nacht hineinziehende Zechen in den Wirtshäusern zu unterbinden wurde im Übrigen 1492 die Weinglocke verordnet. Nach der Glocke durfte kein Wirt weder zu essen noch zu trinken geben. 1512 wurde unter Strafe verordnet, dass nach der Weinglocke keiner auf der Gasse gehen dürfe ohne ein brennend Licht, noch auf der Gasse schreien und juchzen, auch niemand solle nachts trommeln oder Pauke schlagen dürfen. In München hieß diese Glocke übrigens Bierglocke. In Heilbronn muss sich das Trinken wohl schon aus der Natur der Landschaft, sprich dem vielen Wein ergeben haben und so verbietet der Rat 1503 das Zutrinken: Nachdem die Unmäßigkeit des Zutrinkens hier in Heilbronn in Übung ist, die nicht allein wider Gott und eine Todsünde, sondern auch wider jedes Menschen Vernunft und Natur ist, haben beide Räte grundsätzlich das Zutrinken jedermann verboten. Die Verordnung soll an Kirchen, am Rathaus, in den Wirtshäusern, Gastgebereien und Herbergen angeschlagen werden. Strafe war für Wirt und Gast ein halber Gulden. Aus dem „Eid der Büttel“ von 1515 ergibt sich, dass diese dafür Sorge zu tragen hatten, dass das Zutrinken unterlassen wird und meldete Vergehen an den Bürgermeister. Johann Lachmann schlug dem Rat vor: „Um solchem Zutrinken und Gotteslästern vorzukommen, wäre es gut, wenn jeder Ratsherr zu seiner Handwerks Stube ging, damit die Wirtshausbesitzer das unnütze Reden und Zutrinken unterlassen würden. Denn es sei Sache der Obrigkeit, helle Augen und ein männliches Herz zu haben. Sie habe ihr Schwert um die Übeltäter zu strafen, und dazu gehörten auch die Zutrinker“. Nach Abschaffung der Zünfte im Jahre 1371 durch Kaiser Karl IV gab es nur noch lose Handwerks-gesellschaften die jede eine eigene Trinkstube (Handwerksstube) besaß. Diese werden noch im Verlauf der Bauernaufstände eine gewichtige Rolle als Versammlungsorte der bauernfreundlichen Bürger spielen.

Nachdem wir nun so viel Unerfreuliches über das Stadtbild gehört haben, muss nun auf die Wasserversorgung und das Badewesen in Heilbronn eingegangen werden um ein vollständiges Bild zu erhalten. Der Kirchbrunnen an der Kilianskirche war der zentrale und älteste Brunnen Heilbronns. Der Brunnen deckte den Trinkwasserbedarf in seiner Umgebung. Es gab einen Abfluß in Tröge, die wohl der Fischzucht dienten und Eicher durften sie zum Eichen der Gefäße nutzen. Es war bei Strafe verboten, Unsauberkeiten am Brunnen abzulagern. Der Brunnen war den Heilbronnern etwas wert und im Jahre 1516 wurde eine Malerei angebracht. Erst 1541 wurde der Brunnen durch den Baumeister Balthasar Wolff neu gefasst. Es entstanden drei überwölbte Kanäle, die das Wasser in eine Brunnenstube leiteten. Aus sieben Röhren wurde das Wasser in ein 15,5 Meter langes und 2,5 Meter breites Becken geführt. Neben dem Kirchbrunnen gab es noch zahlreiche Schöpfbrunnen von 6 – 10 Meter Tiefe. Die Benützer der Brunnen bildeten eine Brunnengemeinschaft und hatten einen jährlichen Wasserzins in die Steuerstube zu bezahlen. Bäcker, Schmiede und Metzler, die das Brunnenwasser auch zu gewerblichen Zwecken nutzten, mussten einen höheren Zins entrichten. Die öffentlichen Brunnen standen unter der Aufsicht von zwei Bronnenmeistern, die im 15. Jahrhundert wohl noch freiwillig dieses Amt begleiteten. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erhielt Heilbronn eine Wasserleitung aus aufgeborten Holzstämmen (Teuchel) die vom Silchenbrunnen gespeist wurde. Dies war zur damaligen Zeit sicherlich ein Kunstwerk. Das Nutzwasser wurde zu großen Teilen aus dem Neckar bezogen. Man kann im übrigen davon ausgehen, dass der Neckar kein reines Gewässer war. Die Metzger wurden 1489 verpflichtet, ihre Fleischwaren die von der Fleischbeschau als nicht „kaufmans gut“ befunden wurden, in den Neckar zu werfen. Hier zeigt sich, dass man die fließenden Gewässer als Möglichkeit zur Fortschaffung von Unrat und Abfällen frühzeitig erkannt hatte. Stadtauswärts der Mauer befand sich der Stadtgraben, der vermutlich mit dem Neckar in Verbindung stand. Der Stadtgraben diente vermutlich nicht nur der Verteidigung sondern auch als Nutzwasserlieferant zum Säubern der Gassen, zum Wäsche waschen und Begießen der Gärten. In einem Besoldungsbüchlein von 1515 ist ein Wärter erwähnt, der darauf zu achten hatte, dass niemand  „im Stadtgraben ein Geschäfte tue“. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch noch der Mönchssee, welcher vom Karmeliterkloster als Fischteich genutzt wurde (40 Morgen = 13 ha groß). Das Wasser wurde zudem bei Feuersbrünsten, zum Säubern der Gassen nach Fasnacht und den Jahrmärkten benutzt. In den Jahren 1495-1524 gab es zudem einen regen Badebetrieb, der großes Ärgernis erregte. Der See wurde hoch gestaut und richtete mehrmals großen Schaden an. Der See wurde mehrmals abgelassen und schließlich in Wiesen und Ackerland umgewandelt.

Das Badewesen war im frühneuzeitlichen Heilbronn hingegen aller Vermutung sehr fortgeschritten. Im 15. Jahrhundert sind bereits 5 Badestuben und ein Spitalbad nachgewiesen. Die Privatbäder nicht einbezogen, die schwerlich zu schätzen sind. Zeitgenössischen Berichten nach wurde viel gebadet und 1499 wird sogar vom Rat eine Hochzeitsordnung erlassen in der vorgeschrieben wurde das sich alle Gäste vor der Hochzeit baden mussten. Neben dem Vergnügungsbad, zu dem man sich gegenseitig einlud gab es auch das medizinische Bad. Hier wurden Schwitz und Kräuterbäder verabreicht, verbunden mit dem Schröpfen und Reiben aber auch Rasieren, Haarschneiden und Kopfwaschen. Bereits 1368 wird eine mittlere Badestube in der Bäch erwähnt. Dieses stand im Badgäßchen (Eichgasse) und wird auch 1510 nochmals erwähnt. Das obere Bad in der Deutschhofstraße gehörte 1480 dem Bürgermeister. Es stand an der Stadtmauer gegenüber dem Deutschen Haus und wurde damals zu 440 Gulden weiterverkauft. Am Bauernaufruhr 1525 nahm der dortige Bader Jäcklin Kornmesser ebenfalls teil, wie man aus einer Vernehmung um 1527 feststellen kann. Zudem gab es das untere Bad, dessen genauer Standort aber unbekannt ist. In den Jahren 1515-1526 wird das „kleine Bädlin“ bei der Malstatt erwähnt. Die Juden besaßen ein eigens Bad in einem kleinen Kellergewölbe in der Judengasse. Nach der Vertreibung der Juden 1348 wurde dieses vermutlich von der Stadt übernommen. 1555 sind verschiedene Badetage verzeichnet, wonach donnerstags die Bäder für die Bürger und samstags für die Bauern offen gehalten wurden. Als die Franzosenkrankheit kam wurden vermutlich jedoch viele Badestuben geschlossen.

Katharinenspital um 1658. Das Spital wurde nach dem Brand 1624 im Stil der flämischen Renaissance wieder aufgebaut.

Das Katharinenspital besaß ebenfalls ein Bad, das 1496 vom Altbürgermeister Hans Erer gestiftet wurde. Das Katharinenspital war zentraler Punkt der Krankenversorgung. Im Jahre 1306 wurde vom Rat das Spital das er dem Patronat der hl. Katharina unterstellte, eingeweiht. Das Spital befand sich am Neckar auf der rechten Seite des Brückentors, typisch für Spitäler zur damaligen Zeit nahe am Gewässer gebaut. Das Spital wurde von einem Spitalmeister geführt. Für dieses Amt wurde vom Rat ein Priester berufen.

Im 14. und 15. Jahrhundert konnte das Spital bedeutende Erwerbungen an Gütern erlangen und kam zu einem Reichtum, dass es befähigte die gesamten Aufgaben der Fürsorge zu übernehmen. Bereits 1393 stiftet Zeisolf von Magenheim das „elende Haus“ für Obdachlose in der Judengasse, welches vermutlich 1496 in das Seelhaus überging. 1423 erwarb das Spital den Grien (Hospitalgrün) mit der Sülmermühle des Klosters Lorch. 1430 werden der Böllinger Hof und die Böllinger Mühle erworben, welche im Bauernaufruhr 1525 durch Brand und Plünderung stark beschädigt werden. Das Spital hatte die Verplichtung Personen vorübergehend, z.B. bei Krankheit oder dauernd z.B. Kinder oder alte und gebrechliche Personen, aufzunehmen. Die Kranken wurden spätestens ab 1469 vom Stadtarzt als Spitalarzt versorgt. Zwischen Bürgern, den Leibeigenen der vier Schutzdörfer und Schutzverwandten wurde kein Unterschied gemacht. Der Hauptbau besaß zur Strasse hin ein Prunkportal und war mit einer Kapelle zusammengebaut, der Spitalkirche mit vier Altären. Die Altäre waren bepfündet. Beispielswiese war für die Pründe des Katharinenaltars die Deutschordenskomturei zuständig, die 1522 den Priester Leonard Hierlin damit belehnte. Bereits oben erwähnt wurde das Seelhaus, welchem vor allem die Unterbringung von Waisenkindern aber auch Erwachsene zugeschrieben wird. Das Haus besaß eigene Pfleger und einen Meister. Der Seelmeister musste ebenso wie der Spitalmeister verheiratet sein und im Haus wohnen. Dem Spitalmeister und seiner Frau oblagen die Fürsorge der Waisenkinder und die Versorgung. Sie mussten die Gemächer sauber halten und Personen in das Spitalbad führen. Das Seelhaus wurde durch die Spitalküche gespeist. Das Seelhaus bildete den nördlichen Teil des Spitalhofes. 1544 wurden hier auch kranke Landsknechte eingewiesen aus Ermangelung eines Lazarettes.

Das Leprosenhaus bei St. Jakob am Graben  war am Pfühlbach und entstammt vermutlich einer frühen Leprosen Feldsiedlung. Das Haus lag im Norden der Stadt etwas abseits der Straße nach Neckarsulm, günstig gelegen, um Wanderer und Reisende aus nächster Nähe anzubetteln. Es war das letzte Haus auf dem Weg nach Neckarsulm. Zwischen dem Sülmertor und dem Leprosenhaus (Gutleuthaus) befanden sich Gärten. Das Haus selbst stand inmitten von Wiesen und Äckern. An dieser Stelle befand sich vermutlich auch eine Richtstätte, die in einem Weinbüchlein für 1575 nachweisbar ist. Im Bauernkrieg hatte sich der „helle Haufe“ am Mittwoch nach Ostern (19. April) genau dort in „die Gärten zwischen Sülmertor und Gutleuthaus“ gelegt. Der Pfühlbach lieferte dem Haus das Trink und Nutzwasser. Das Leprosenhaus war ein wenig ansehnlicher, zweieinhalbstöckiger Fachwerkbau mit Steildach und konnte 20-30 Personen beherbergen. Eine kleine, ebenfalls schmucklose Kapelle und eines Begräbnisstelle befanden sich unmittelbar daneben. Das Leprosenhaus besaß zudem ein Vorratshaus in der Stadt. Die Verwaltung des Leprosenhauses war dem Rat unterstellt. Der Rat ernannte Pfleger und Schaffner, der den Betrieb unmittelbar leitete. Die Pfleger waren nicht Beamte der Stadt sondern vielmehr ehrenamtlich tätig. Der Schaffner wurde von den Insassen selbst gestellt. Eine ärztliche Behandlung wie im Katharinenspital war nicht vorgesehen. Es kann vermutet werden, dass sich die Franziskaner des ansässigen Klosters um die Leprosenpflege kümmerten. Die verstorbenen Aussätzigen wurden bei der Kapelle begraben. Die St. Jacobskapelle war ebenfalls mit Pfründen versehen, nach urkundlichen Überlieferungen waren diese von Bürgern gestiftet. Ab 1520 war der „Doktor Prediger“ Johann Lachmann Stelleninhaber. Dank der Gebefreudigkeit der Heilbronner Bürger schienen die Leprakranken genügend versorgt. Im 15. und 16 Jahrhundert war die Lepra schon merklich abgeflaut und ab dem Ende des 16. Jahrhunderts traten Leprafälle nur noch vereinzelt auf.

Die Beginen waren eine im 12. Jahrhundert von Holland ausgehende Bewegung, in welcher sich ehrbare Frauen und Jungfrauen zum gemeinsamen Leben zusammenschlossen, um Dienste der Frömmigkeit an armen Kranken zu vollbringen. In Heilbronn lassen sich zwei Beginenhäuser nachweisen. Bei den Beginenhäusern handelte es sich um kleine Konvente. Die Schwestern unterstellten sich in freiwilligem Gehorsam einer Oberin, der „Mutter“. Da die Beginenhäuser nicht mit Stiftungen und Schenkungen rechnen konnten, wurde der Haushalt durch Heimarbeit und merkantile Verwertung der Erzeugnisse sichergestellt. Die Beginenhäuser wurden im Gegensatz zu den Spitälern und Leprosenhäusern besteuert. Eines der Beginenhäuser stand im Hämmerlingsgäßlein und in der Lichtensterner Gasse (Lammgasse). Die Beginenhäuser waren der Aufsicht der Stadt unterstellt, diese benannte für jedes Haus einen Beginenpfleger. 1341 werden die Beginen das erste Mal in Heilbronn erwähnt. 1477 wird vom Beginenhaus der dritten Regel (die dritte Regel des hl. Franziskus) berichtet. Die Beginen machten aus der geistlichen Zugehörigkeit zu den Franziskanern keinen Hehl und trugen zum grauen Beginenkleid den Franziskanerzipfel der dritten Regel. Das ummauerte Haus besaß zur Straße hin ein massives Tor. Es umfasste ein Vorder- und Hinterhaus mit einem Garten, Hof und einem eigenen Schöpfbrunnen. Das Haupthaus enthielt eine schöne gebrochene Steintreppe. Gleich neben dem Beginenhaus schloss sich der Kaiserheimer Hof und gegen Norden das Kellerhaus des Kaiserheimer Hofes. Nach den Urkunden ergibt sich, dass die Beginen hauptsächlich der Hauskrankenpflege nachgingen und sicherlich einen großen Anteil am sozialen Leben in der Stadt hatten. Wie bereits erwähnt führten die Beginen Handarbeiten durch. So sind in einer Vermögensaufnahme von 1531 ein Webgeschirr und drei Webstühle sowie 18 Stänge Garn aufgelistet. Anders als das Beginenhaus in der Lammgasse brachten sie es in kurzer Zeit zu einem schönen Hausbesitz mit Gärten vor dem Fleiner Tor.

Die Bauernaufstände

Schön, Erhard: Bildnis des Herzogs Ulrich von Württemberg, nach 1520.

Nachdem wir uns nun in jeder Hinsicht ein Bild der Reichstadt Heilbronn machen können, gehen wir nun zu einer chronologischen Darstellung der Bauernaufstände über. Bereits im Mai 1514 kam im Wirtembergischen eine Bewegung auf, die der „Arme Konrad“ genannt wurde, welche sich gegen den wirtembergischen Herzog Ulrich wandte. Ursache der Aufstände waren die schwierigen wirtschaftlichen Lebensumstände der Bauern im Remstal. Herzog Ulrich von Wirtemberg war für seine Maßlosigkeit bekannt und um einen Kriegszug gegen Burgund zu finanzieren erhob er zusätzliche Verbrauchssteuern. Die Bauern zogen unter dem Anführer Peter Gaiß aus Beutelsbach nach Schorndorf und bewirkten dort, dass Herzog Ulrich die Verbrauchssteuer wieder aufhob. Herzogliche Truppen besetzten später das Remstal und schlugen den Aufstand nieder. Auch Heilbronn befürchtete ein Übergreifen der Tumulte auf ihre bäuerlichen Untertanen der Schutzdörfer Böckingen, Flein, Neckargartach und Frankenbach. So fand im Juni 1514 eine Untersuchung gegen zwei Böckinger statt: Sixt Hase und Wendel Mesner. Sixt Hase war ein Schwager von Jakob Rohrbach, über den wir gleich noch zu genüge berichten werden. Beide sollen den „Armen Konrad“ gelobt haben, bestritten dies aber heftig. Der Wirtembergische Vogt von Brackenheim erhob gegenüber der Reichstadt Heilbronn, dass diese flüchtigen Anhängern des „Armen Konrad“ Schutz gewähre. Darüber hinaus soll eine oberrheinische Gruppe unzufriedener Bauern seine Fahne bei einem Heilbronner Maler haben malen lassen. Dieser Maler war vermutlich Steffan Bart, der neben dem Franziskanerkloster wohnte.

Zu Beginn des Jahres 1525 begann im oberschwäbischen Memmingen der Aufruhr. Hier entstanden die „Zwölf Artikel“ zwischen dem 27. Februar und dem 1. März, welche vom Memminger Kürschner Sebastian Lotzer abgefasst wurden. In Heilbronn begann der Aufruhr knapp einen Monat später am Sonntag Judica, den 2. April 1525 in Heilbronner Dorf Flein. Der Aufrührer war kein anderer als Jäcklein Rohrbach von Böckingen.

Der Bauernanführer Jäcklein Rohrbach von Böckingen

Bevor wir uns nun den Ereignissen im Detail widmen wollen wir noch über das bisherige Leben des Jakob Rohrbach berichten. Der junge Jakob Rorbach scheint kurz vor 1500 geboren zu sein und war von seiner Mutter her Leibeigener der Herren von Neipperg. Vermutlich genoss er im nahen Heilbronn Schulunterricht, denn er war ein gewandter Briefschreiber. Allerdings neigte er schon früh zu Gewalttaten; bezeichnete ihn sein eigner Vater doch als einen „böslichen Mann“. Im Jahr 1516 ist einen Händel zwischen dem neippergischen Amtmann und Jäcklein Rorbach in Böckingens Nachbardorf Klingenberg bekannt. Der Amtmann schilderte, dass Rorbach, welchen er vom abgesperrten Weg hinter dem Klingenberger Schloss weg gewiesen hatte, ihm unter Flüchen erwidert habe, dass er dem Amtmann einen Metzgergang tun lassen wolle. Anschließend habe er ihn mit der Waffe in der Hand unter Drohungen vom Weg abgedrängt. Rohrbach bestritt diese Darstellung des Amtmannes. Der Heilbronner Rat, vor den die Sache kam, verurteilte Rohrbach zur Zahlung von 2 Maltern Hafer, was in den Augen der Herren von Neipperg eine zu geringe Strafe war. Später bedrohte Rorbach den Amtmann wiederholt und wurde daraufhin vom Rat in den Turm gelegt. Während des Streites mit dem neippergischen Amtmann hatte Rorbach den württembergischen Vogt zu Lauffen angerufen um ihn um Fürsprache zu bitten. Dazu gab er sich als württembergischer Leibeigener aus, obwohl er in Wahrheit ein neippergischer war.

Im Jahr 1519 geriet er mit der Gemeinde Dürrenzimmern im Zabergäu in Händel. Er hatte mit zwei dortigen Einwohnern einen Erbschaftsstreit vor dem Tübinger Hofgericht gehabt, dessen Urteil von den Streitenden verschieden ausgelegt wurde. Aufgrund der unterschiedlichen Auslegung wies der württembergische Amtmann zu Brackenheim die Sache zurück ans Hofgericht. Rohrbach, der gewonnen zu haben vermeinte, fühlte sich dadurch in seinem Recht verletzt und antwortete mit einem Fehdebrief, der an die gesamte Gemeinde Dürrenzimmern gerichtet war. Im Verlauf der Auseinandersetzung ritt Rorbach dem hiesigen Schuttheißen, als dieser nach auswärts reiste, in verdächtiger Weise nach. Der Heilbronner Rat legte Rorbach wegen des Fehdebriefes abermals ins Gefängnis, schickte dem Tübinger Hofgericht jedoch ein Führschreiben für seinen „Böckinger Hintersassen“.

Im Jahre 1519 unternahm Herzog Ulrich von Württemberg den Versuch, sein vom Schwäbischen Bund eingenommenes Land zurückzuerobern. Die freie Reichsstadt Heilbronn stellte als Bundesmitglied 47 Fußgänger und 3 Reisige gegen den Herzog. Einer der drei Reisigen war Jäcklein Rohrbach. Die Heilbronner Söldner kämpften höchstwahrscheinlich in dem Gefecht von Hedelfingen am 14. Oktober 1519, indem die Bündischen entscheidend gegen die Herzoglichen siegten. Heilbronn hatte unter dem württembergischen Krieg schwer gelitten und legte seinen vier Dörfern eine zusätzliche Schatzung auf. Die meisten Böckinger zahlten willig, mit einigen wenigen jedoch gab es Streit darüber, ob die Schatzung auch von Leibeigenen zu zahlen sei, deren Herrschaften auswärtig lebten. Jäcklein weigerte sich zu zahlen, weil er angeblich nicht mehr im Böckinger Dorfrecht saß. Jäklein Rohrbach geriet daraufhin in Streit mit der Gemeinde und dem Böckinger Pfarrer. Sein Aufenthalt ist während dieser Zeit nicht bekannt, doch vermutlich hatte sich Rohrbach in einen Dienst begeben, denn er nennt sich einen „redlichen Knecht“.

Um die Angelegenheit zu klären bat er Ende August 1522 den Heilbronner Bürgermeister Konrad Erer um freies Geleit durch Heilbronn, da er, wie er angab, vom Böckinger Schultheißen „verschwätzt“ worden sei. Der Rat bewilligte ihm daraufhin achttägiges Geleit. Rohrbach und seine Schwester mussten innerhalb fünf Tage die Schatzung zahlen, bei Strafe der Verdoppelung. Außerdem sollten sie der Gemeinde für ihre Umtriebe je 4 Gulden entrichten. Rohrbachs spätere Genossin, Margareta Rennerin war ebenfalls im Rückstand. Spätestens 1524 finden wir Rorbach wieder in Böckingen. Er hatte den kleineren Hof seines Vaters übernommen und der zum Wimpfener Petersstift gehörte. Zur gleichen Zeit hatte sich Jäcklein mit der Böckingerin Jenefe (Genoveva) verheiratet. Der Hof umfasste mehrere Äcker, Wiesen und Weingärten, eine Hofstatt nebst Garten. Rorbach besaß drei Pferde, eine Kuh, Schafe und Schweine. Rohrbach hatte dem Pfründner des Wimpfener Kilinansaltars Wolf Ferber eine jährliche Gült von 5 Malter Roggen und Dinkel; 6 Malter Hafer zu reichen. Davon an Michaelis 2 Gänse und an Fastnacht 1 Huhn. Von dieser Gült blieb er dem Pfründner im Jahr 1524 einiges schuldig. Rohrbach hatte jedoch nachweislich genügend Frucht und Vieh um die Gült zu begleichen, er wollte es nur offenbar nicht. Im Vergleich mit dem Hof eines Verwandten, dessen Hofstätte größer war, dem aber eine kleinere Gült abverlangt wurde, war dies für Rohrbach ungerecht verteilt, jedoch waren die Abgaben die Rorbach zu leisten hatte im allgemeinen Vergleich durchaus nicht übertrieben. So mussten z.B. zwei Böckinger Höfe des Klosters Schöntal ungleich mehr Gült begleichen und Höfe des Heilbronner Klaraklosters dagegen sogar noch viel mehr. Es ist nicht unmöglich, dass Rohrbach im Glauben, vom Stift betrogen worden zu sein, und in der Verfolgung seines angeblichen Rechts zum Anführer geworden ist. Rohrbach, der zwar ein schlauer, aber auch ein eigensinniger und starrköpfiger Mensch gewesen ist, steigerte sich in den Gedanken, der Stift verlange von ihm zuviel Gült, derart hinein, dass er mit seinem Verwandten Enderlin Remy von Dürrenzimmern davon sprach, die Pfaffen im Wimpfener Stift zu erwürgen und ihr Gut an sich zu nehmen. Der Wimpfener Priester Wolf Ferber klagte Rohrbach wegen der versäumten Gült vor dem Böckinger Gericht an, wo sich dieser am 27. März 1525 verantworten sollte. Dies ist der Tag, an dem er seine Rolle als Bauernanführer in der Bauernerhebung beginnt.

Beham, Hans Sebald (1500-1550): Fahnenträger und Trommler.

Rohrbach gelangte früh in den Besitz der „Zwölf Artikel“. Er machte sich die Artikel zu Eigen und bezog sie auf seinen Händel mit dem Priester Wolf Ferber. So wuchs seine eigene Streitigkeit mit den allgemeinen Forderungen der aufständischen Bauern zusammen und es verbanden sich damit, doch nur ganz nebenbei, unklare religiöse Gedanken. Michel Kollenberger, auch „Kollenmichel“ genannt, ein Weingärtner der in der Kirchbech ein Haus hatte, besuchte Rohrbach am Sonntag vor Fasnacht 1525 und besprach mit ihm und Remy von Dürrenzimmern die Möglichkeiten, die Rohrbach in seinem Rechtsstreit mit dem Pfaffen Wolf Ferber aus Wimpfen habe. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich Rohrbachs gewalttätige und eigentlich der Bauernbewegung entgegenstehende Grundhaltung. Rohrbach wollte „…in das thal fallen und den Pfaffen alles nemen, was sie haben und sie erwurgen“. Der Kollenmichel antwortete darauf: „es wird dein furnemen kain furgang haben, dann du wurdest kay.mt.ingriff thun, wurdt nit erlitten, bitt dieh, laß das zerinnen, thus nit…dan baldt du uffvorderst, wird mans innen und nach dir greiffen“. Am Tag der Verhandlung lud er seine Freunde aus Stadt und Land ein, nach Böckingen zu kommen, um ihm bei seinem Rechtshändel beizustehen. Als Ferber auf dem Weg zum Böckinger Rechtstag in einem Heilbronner Wirtshaus einkehrte, fiel ihm ein Rennen und Laufen auf den Straßen auf und er erhielt vom Wirt die Auskunft: Ein Pfaffe habe einen Rechtsstreit mit Jakob Rohrbach; es wollten wohl 300 Mann nach Böckingen hinaus, um zu sehen wer Recht habe. Nach einer Zeugenaussage war diese zahl äußerst übertrieben, es sollen nur 20-30 gewesen sein. Der Priester Wolf Ferber bekam es mit der Angst und ging nicht hinaus und meldete die Sache dem Rat. Dieser schickte daraufhin einige Reisige und den Vogt von Böckingen, der Altbürgermeister Kaspar Berlin, doch Rohrbach konnte sich ihnen entziehen. Der Vogt wies das Gericht an, den Fall dem Heilbronner Rat zu überlassen.

Der Rechtstag war vermutlich nur ein Vorwand zu einer Werbeversammlung für die Bauernsache. Er redete Bauern von der Herabsetzung des kleinen Zehnts vor. Bereits im März schrieb Rohrbach an einige Heilbronner, „sie sollten ihm helfen die Kinder Israel wider ins gelobte Land zu führen.“ Auch die umliegenden Orte hatte er bereits bearbeitet, denn auf die Böckinger Versammlung kamen Bauern aus Flein sowie von den deutschherrlichen Orten Neckarsulm und Sontheim. Aus Heilbronn erschienen der Kollenmichel, Christ Scherer und Enderlin Remy von Dürrenzimmern. Rohrbach entwickelte Scherer damals bereits seine Pläne. Wenn den Aussagen des Christ Scherer zu trauen ist, dann waren diese eher gemäßigt: sie wollten Zinsen und Gülten wo man zu viele hat geben müssen, abschaffen, doch sollten die Briefe (Kapitalien) zuvor bezahlt werden; sie wollten „eine brüderliche Treue anfahen“ und wer mehr habe als der andere, solle diesem raten und helfen; das deutsche Haus in Heilbronn wollten sie unter der Bürgerschaft verteilen, seine Wiesen den Armen geben und seine Zehnten und sonstigen Besitz der Steuer zustellen, damit die Beschwerden geringert würden und die gottlosen Leute nicht mehr hätten als die anderen; Mönche und Nonnen wollten sie vertreiben, ebenso die Präsenzherren, doch sollte jeder Deutschherr, Mönch und Präsenzherr lebenslänglich eine Summe zum Unterhalt bekommen; von den Beginen wollten sie vier beibehalten zur Krankenpflege; ins Deutsche Haus wollten sie Zunfthäuser hineinmachen.

Man verabredete sich am folgenden Sonntag Judica, dem 2. April wieder in Flein zusammenzukommen. Als Rohrbach wegen des Rechtssteits am 30. März vor den Heilbronner Rat erschien, verschob dieser die Verhandlung. Vermutlich fürchtete der Rat schon die aufständischen Bauern. Dem Wimpfener Stiftsdechant, der sich für einen gütlichen Ausgang des Streits aussprach, lies er ausrichten, dass er ihn am Arsch lecken könne und fügte bei, sie sollten sich die Weile nicht lange werden lassen, er wolle sie bald besuchen und dann solle ihm sein Vertrag schmecken, als der, den das Stift mit den Bauern mache. Rohrbach reiste daraufhin noch ins Löwensteiner Bad um dort „den Aufruhr anzuschanzen“. Rohrbach entfaltete seine Werbetätigkeit unter anderem in der Weinwirtschaft des Bäckers (Beckenwirtschaft) Wolf Leip aus Cannstatt, genannt der „böse Wolf“. In seiner Ungicht sagte Wolf Leip aus: „…das die vier, Jecklin Rorbach, Enderlin (Remy) von Zimmern, Jorg Mertin, der wierdt, Wendel Hofmann von Flein, und ander mer, dero namen er nit wiß, und auch Jecklin Rorbachs weyb und ander weyber in sein hauß am sambstag, des tages sie gen Flein komen, gesessen und sich veraint, das sie wollen ain haufen machen und die gaistlichen straffen…“. Wolf Leip berichtet weiter, wie Rohrbach und die anderen sagten, man wolle „die schmerschneider zurichten, solt sie gots marter schenden, ihre heußer mussen unser werden“, da habe er gesagt, ob man ihm dass seine etwa auch nehmen wolle. Darauf wurde ihm geantwortet: „nain du bist ain gut gesell, wurdts auch auff unser seytten sein…“.

Wolf war kein unvermögender Man, im Jahre 1525 zahlt er 2 ½ Gulden Bet, was einem betbaren Vermögen von 500 fl entspricht. Wolf Leip wurde 1526 mit dem Schwert hingerichtet. Rohrbach selbst wird in einer Niederschrift des Karmelitermönchs als „reicher Bauer“ bezeichnet. Im Allgemeinen ist es interessant wenn man sich die vermögensmäßige Stellung des Bauernkriegsbeteiligten näher anschaut. Von 56 behelligten Personen besaßen 23 ein Vermögen über 200 Gulden, 12 zwischen 100-200 Gulden und 21 Personen ein Vermögen unter 100 Gulden. Bei den Vermögenden Personen handelt es sich meist um Handwerker und Weingärtner. Wolf Leip war nur einer im Kreise um Rohrbach. Mathis Gunthermann zum Beispiel hat den Bauern aus Böckingen am Weg die „druckten artickell furgeleßen“. Chris Scherer, Ulrich Fischer, Lutz Taschenmacher und der Schneider Job waren bei der Weinsberger Bluttat dabei und der Bäcker Hans Müller, der auch Flux genannt wurde führte im Namen des Rates die Verhandlungen mit den Bauern. Dies soll angeblich die „Zwölf Artikel“ immer bei sich getragen haben. Diese Leute gehörten keineswegs zu der armen Bevölkerung. Hans Flux besaß ein betbares Vermögen von über 1200 Gulden, er hatte zwei Häuser, drei Weingärten, einen Krautgarten und ein Hofgütlein bei Flein. Auch Lutz Taschenmacher hatte ein Vermögen über 100 Gulden, Christ Scherer besaß 300 Gulden und der Schneider Job hatte ein Haus an der Kirchbech.

Es gab jedoch noch eine andere Gruppe als jene um Rohrbach. Diese entstand im Umkreis des Weingärtners Hans Spet. Die Gruppe bestand wohl vorwiegend aus Weingärtnern. Sicher nachzuweisen sind Kilian Fischer, Hans Wernher und Clas Daig sowie Balthas Engelhardt und Hans Greser. Spet besaß ein Vermögen von über 700 Gulden und wohnte im nördlichen Teil der Stadt. In seinem Haus fanden Versammlungen statt; in der Stadt nannte man es das „Rathaus“ und nach dem Bauernkrieg „der bößen buben rathauß“.

Am 1. April erschien Rohrbach in Brackenheim um zu werben und am 2. April in Großbottwar und Beilstein. Der Heilbronner Rat tat nur wenig um die geplante Bauernversammlung in Flein zu verhindern. So wurde es den Wirten an diesem Tage verboten ihre Gäste zu bewirten. Während des Gottesdienstes ertönte dann am 2. April Trommelschlag in Heilbronn. Eine Schar von Bauern, die aus deutschherrlichen Orten wie Erlenbach, Binswangen und Neckarsulm kamen sagte, sie wollen „zu einer freundlichen Zeche“ nach Flein ziehen. Aber auch Bauern aus den Heilbronner Dörfern sammelten sich, vor allem aus Böckingen zogen weitere Bauern zu. Was darunter zu verstehen war ist augenscheinlich klar. Viele Heilbronner schlossen sich an und zogen südlich zum Fleiner Tor hinaus. Dort schlug Hans Welner von Neckargartach die Trommel. Gegenüber dem Rat verantwortete er sich wie folgt. Er habe sich auf Bitte des Pfeiffers Bürck hin im Hause des Metzler in Heilbronn mit seiner Trommel eingefunden. Dort habe man zunächst getrunken, dann hätten sie ihm befohlen am Fleiner Tor zu warten. „Sein etlich ratßherenn vnnd burgermaister davor gesessenn aber kainer nicht zw mir gesagt: trummenschlager thues nit oder wa wilt, sunder gar nichst inn kainen weg vnnd so ainer der minstenn hat gesagt oder ain kundt ich solt mit der trummen abkehrenn eß wer ainem erbarn rath nit lieb ich wolt nit zw vil getrummen haben dass Ich geschlagen hat etc. Alß ich aber da wartet, kamenn die mich da her beschidenn hettenn, vnnd schulten mich, das ich nit het uff geschlagen, alß pald ich für die stat wer khummen. Gab ich inn antwürt: nain, ich bein nit furwitzig trummen schlagen, ich wiß dann, wie ichß schlag. Sagten sie: wir wellenn dir lonen und was nachthail dir daraus entstet, wellenn wir gut dar für sein. Hab ich gesagt: so ihr das thun wellet, so will ich schlagenn, weil trumm und bedem werendt. Hab uff geschlagenn;“ Hans Digel, einer der zwei Bürgermeister versuchte sie davon abzuhalten und fing in seiner ausweglosen Lage an zu heulen. Der Rat schickte Jörg Dietmar und Hans Lötsch nach Flein hinaus, doch kehrten diese unterwegs um, da sie hörten die Bauern seien ganz wütend und schäumten wie die Eber. Draußen waren neben Rohrbach auch die Heilbronner denen wir bereits begegnet sind: Christ Scherer, Kollenmichel und Ulrich Fischer tätig. Kollenmichel und Fischer hatten beide unter Franz von Sickingen gedient und waren wie Rohrbach selbst kriegserfahren. Vor Flein machten die Bauern in landsknechtischer Weise „einen Ring“ und schworen auf die „Zwölf Artikel“. Die Bauern wählten Rohrbach zu ihrem Hauptmann des „Neckartaler Haufens“.  Dieser trat „halb reiterisch halb bäuerisch gestaltet“ auf. Rohrbach stand ja wie bereits erwähnt 1519 im württemberger Krieg als Reisiger dem Heilbronner Bundeskontingent bei und sein Auftritt stärkte sicherlich sein Ansehen. Die Bauern zogen die Hüte vor ihm ab und neigten sich vor ihm, „als ob er ein Edelmann wäre“. Natürlich wurde trotz des Ratsverbots ordentlich gezecht und der alte Peter Münzing klagte, ihm sei mit Gewalt sein Keller aufgebrochen worden und die ganze Nacht durch unbezahlt ausgesoffen worden. Ein Teil der in Flein Versammelten Bauern setzte nachts das Heilbronner Karmeliterkloster in Schrecken.

Karmeliterkloster bei Heilbronn um 1600

Hans Welner von Neckargartach weis hier weiter davon zu berichten: Sein zogen gen Fleyn unnd da gezecht vnnd in der nacht wider gen Hailprunn kummenn, Da sein irrenn wol bey zwai hundert, wellenn dz kloster sturmenn vnnd mir zw geschrüwen: trummenschleger, mach ain lerman; ich inen geantwürt: nain, ich will wider an die ort, da ich heüt von zogen bin, und vertruy meinen herrenn, sie werdent vns einlassenn; alß dann geschehenn ist.“ Ein Augenzeuge, der  Karmelitermönch Michael Leip berichtet über die Geschehnisse wie folgt: Nuhn als sie zecht hetten vnd das kalb gefressen vnd waren vol, liessen sie vmbschlagen vnd khamen zuosamen vor dem dorff auf freyem veldt vnd liessen ausschreihen vnd hieltten gemein, das alle, die da wolten sein christenliche brüoder, die soltten zuo ihnen geloben vnd schwören, dan da woltten sie beschirmen das euangelium…, darob woltten sie lassen leib vnd leben etc. Aber als sie also gemein gehaltten hetten, wurden sie der sach ains, das sie auf die selbige nacht mit vnss [den Karmelitern] zuo nacht essen.“

 

hier geht es demnächst weiter…


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